Die Darm-Hirn-Verbindung: Wie Stress die Verdauung beeinflusst

Verdauung beginnt im Kopf

Schließe kurz die Augen, nachdem du diesen Absatz gelesen hast und stelle dir Folgendes vor:
Du schneidest dir ein dickes Stück aus einer saftigen gelben, reifen Zitrone heraus. Du riechst den exotischen Zitrusduft, der Saft tropft aus der Zitrone. Jetzt nimmst du das Stück und beißt kräftig hinein.

Ist dir das Wasser im Mund dabei zusammengelaufen?

Kennst du vielleicht die Situation, wenn du bei einer Prüfung oder einem wichtigen Ereignis vor Aufregung keinen Bissen runterbekommst und deine Verdauung verrückt spielt?

Was schließen wir daraus? Verdauung beginnt im Kopf!

Das Bauchhirn

Allein der Duft eines leckeren Essens oder schon der Gedanke an den Biss in eine saure Zitrone sorgen dafür, dass unsere gesamte Verdauungsmaschinerie beginnt sich auf eine Nahrungsaufnahme vorzubereiten: Die Produktion von Speichel und Verdauungs-Enzymen und die Bewegung des Verdauungstrakts setzen ein.

Umgekehrt kann die normale Verdauung bereits lahmgelegt werden, wenn der nervöse Gedanke an eine bevorstehende Prüfung ein ungutes Gefühl im Bauch verursacht. Der Darm stellt vorübergehend die Arbeit ein, schließlich brauchen jetzt das Gehirn, die Muskeln und das Herz die Energie um den Stressfaktor meistern zu können. Wer will schon gemütlich verdauen wenn man vor dem Prof sein Wissen zum Besten geben muss? Unser Körper kann nicht gleichzeitig verdauen und Stress verarbeiten, das hat unser Körper alles evolutionsbiologisch und energiesparend perfekt aufeinander abgestimmt.

Aber warum fühlt unser Bauch eigentlich was unser Kopf denkt und wieso reagiert unser Darm entsprechend darauf?
Tatsächlich “reden” Kopf und Bauch über verschiedene Kanäle permanent miteinander.

Diese Kommunikation läuft ganz unbewusst (also „autonom“) ab, denn wir würden wahrscheinlich verrückt werden, wenn wir ständig selbst aktiv daran denken müssten, dass es endlich Zeit ist unser Frühstück in Richtung Darmausgang zu schieben, wann und wie viel Verdauungsenzyme oder Magensäure für die Zerkleinerung der Pasta Arrabiata produziert werden muss, wie viel Darmschleimhaut hergestellt wird usw.

Im Grunde geht es bei diesem Kaffeeklatsch größtenteils darum, dass die normalen Funktionen unseres 6 bis 9 Meter langen, geschlängelten Verdauungsorgans aufrechterhalten werden. Das Gehirn überwacht somit unbewusst über das autonome Nervensystem die Funktionen des Darms, wie z.B. die Verdauung. Dies bedeutet: wir entscheiden nicht aktiv, wann und wie gut Verdauung stattfindet. Dafür ist der Modus des Nervensystems entscheidend: im „Stress“ geht Verdauung nicht gut, im Modus „Entspannung“ dann schon eher.

Deswegen bringen wir kaum einen Bissen runter, wenn wir gestresst unter Zeitdruck stehen. Schließlich sind in dem Moment andere Dinge wichtiger als “Verdauung”. Als Folge davon liegt alles was wir in diesem Moment essen “schwer im Magen”.

Die Darm-Hirn-Verbindung

Die permanente Kommunikation zwischen dem Gehirn und dem Darm wird auch die „Darm-Hirn-Achse“ genannt. Der Informationsaustausch funktioniert über zwei Wege:

Zum einen über den Vagusnerv, einem dicken Nervenstrang zwischen Gehirn und dem Darmnervensystem, unserem „2. Gehirn“.

Zum anderen auch über das Blut: durch Hormone und Botenstoffe, die vom Gehirn, von unseren Darmzellen, dem Immunsystem und sogar auch von unseren Darmbakterien produziert werden: Alle haben ein Wörtchen mitzureden. Von daher reden wir sogar mittlerweile von der “Darm-Hirn-Mikrobiom-Achse”.1

Wir haben es hier also mit einer ständigen, gegenseitigen “Diskussion” zwischen 4 Organen zu tun: Gehirn, Darm, Immunsystem und Darmflora. (Ja, die Darmflora ist tatsächlich auch ein Organ!)

Wie wirkt sich Stress auf meine Verdauung aus?

Nicht nur Verdauung, sondern auch Stress entsteht im Kopf.
Akuten Stress kann unser Organismus evolutionär bedingt sehr gut wegstecken und regulieren. Bei chronischen Stresssituationen wie Ängsten, Depressionen, Sorgen oder andauernden negativen Gefühlen wird es hingegen interessant, denn das ist ein “neumodisches” Problem, auf das unser Körper nicht ausgelegt ist und auf das er genauso versucht zu reagieren wie auf akuten Stress. Leider ist dieser biochemische Anti-Stress-Cocktail aus Cortisol und entzündlichen Botenmolekülen den chronischen psychischen Stress zu bewältigen auf Dauer nicht gesund für den Körper (und vor allem nicht für die Verdauung).

Empfinden wir Stress wird das Signal “Stress” biochemisch mit einem neuronalen und biochemischen Stress-Cocktail vom Gehirn ausgehend durch komplexe Kaskaden im gesamten Körper verteilt, so dass alle Organe Bescheid wissen. Jetzt muss der Körper Prioritäten setzen: das ganze System schaltet in einen Überlebensmodus (“Kampf, Flucht oder Erstarren”). Die Organe priorisieren nun das Überleben so lange bis der Stress vorbei ist: der Herzschlag beschleunigt sich, die Durchblutung im Körper und der Muskulatur verändert sich, die Atmung wird schneller und flacher.

Weil die Verdauung und die Magen-Darm-Tätigkeit in einer Stresssituation nicht direkt zum Überleben notwendig sind, wird die Verdauungsfunktion heruntergefahren, es werden weniger Verdauungs-Enzyme produziert und die Darmbewegung erlahmt. Die Zusammensetzung der Darmbakterien verändert sich ebenfalls. Schon innerhalb kürzester Zeit nimmt die Anzahl von Milchsäurebakterien und Bifidobakterien ab, zweier essentieller Vertreter einer gesunden Darmflora.2 Dies konnte in vielen experimentellen Untersuchungen gezeigt und auch in ersten Pilotstudien am Beispiel von Studenten, die unter Prüfungsstress standen, gezeigt werden.3 4

In einer Studie wurde sogar nachgewiesen, dass Stress der Mutter in der Schwangerschaft sich negativ auf die Entwicklung des Darm-Mikrobioms des Babies nach dessen Geburt auswirken kann.5

Unter chronischem Stress scheint außerdem die Schutzfunktion der Darmbarriere abzunehmen, so dass eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmwand möglich ist (umgangssprachlich: ein „Leaky Gut“ begünstigt wird), wie sowohl in diversen experimentellen Tier-Modellen6 7 als auch in einer Studie an Paaren mit einer fortdauernden Ehekrise bewiesen wurde.8

Stress und funktionale Verdauungsstörungen: Gesundheitsepidemien des 21. Jahrhunderts

Die WHO hat vor einigen Jahren Stress als die Gesundheitsepidemie des 21. Jahrhunderts bezeichnet.
Man kann mittlerweile zusätzlich funktionale Verdauungsstörungen wie Reizdarmsyndrom, Völlegefühl, Blähbauch usw. hinzuzählen.

In Europa leidet nämlich mittlerweile fast jeder fünfte Mensch an funktionaler Dyspepsie oder einem Reizdarmsyndrom.9 Da laut Umfragen von diesen nur jeder Vierte überhaupt mit seinem Arzt darüber redet, liegt die Dunkelziffer der Betroffenen wohl deutlich höher.10

„Funktionale“ Verdauungsstörung bedeutet, dass organisch kein gravierendes Problem vorliegt aber die Verdauung trotzdem nicht richtig funktioniert. Reizdarm-Betroffene leiden unter Schmerzen bei der Verdauung, haben chronische Verstopfung, einen Blähbauch, Durchfall oder alles zusammen. Interessant ist, dass Reizdarm-Betroffene nicht nur Darmprobleme sondern zu einer überwältigenden Mehrheit auch an psychischem Stress und Ängsten bis hin zu Depression leiden.11 12 Dies legt die Vermutung nahe, dass Stress ein bedeutender Mitauslöser dieser funktionalen Verdauungsbeschwerden sein kann.

Was war aber nun zuerst da: der Stress oder der Reizdarm? Die Antwort auf diese Frage steht noch aus.

In beiden Fällen zeigt sich eindeutig die direkte Kommunikation zwischen Darm und Gehirn: sowohl bei Menschen mit Darmerkrankungen, die oft psychischen Stress empfinden13 14 als auch bei Betroffenen mit chronischem Stress, Depressionen und anderen neurologischen Syndromen wie z.B. Autismus, die mehrheitlich chronische Verdauungsstörungen und eine negativ veränderte Zusammensetzung der Darmflora aufweisen.15 16

Sind jetzt die Psyche und der Stress an allem schuld? Nein. Der allererste Schritt sollte eine Prüfung der Ernährungsweise und -gewohnheiten sein. Bei einem aufgrund schlechter Ernährung erkrankten Darm ist Stress meistens nur der verstärkende Faktor.

Wie kann ich meine Verdauung verbessern?

Darmgesundheit steht und fällt immer noch zuallererst mit dem WAS man isst, denn die Zusammensetzung der Darmflora wird fast ausschließlich durch die Ernährung bestimmt. Durch das, was wir essen bestimmen wir also weitestgehend selbst wie gesund unser Darm ist.

Ein gesunder Darm benötigt täglich mindestens 80% pflanzlich basierte und vollwertige Nahrung aus viel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkorn und Nüssen als essentielle Basis, damit genügend Nährstoffe für die Regeneration unseres Körpers, der Darmschleimhaut und ausreichend Ballaststoffe für die Darmflora zur Verfügung stehen.

Eine Anpassung der Ess-Gewohnheiten, der Ess-Atmosphäre sowie der Portionsgröße und Uhrzeit kann man individuell für sich optimieren.

Zusätzlich und besonders bei Reizdarmpatienten haben sich Entspannungs-Methoden wie Meditation, Sport, Yoga oder Hypnotherapie in ersten Pilotstudien bewährt und zeigen eine bedeutende Verbesserung des Wohlbefindens.17 18 19

Generell ist alles, was den Körper und den Geist entspannt und Spaß macht auch gleichzeitig Entspannung für unser autonomes Nervensystem und damit die Basis für eine gute Verdauung.

Referenzen

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NIEWINTER COMMUNITY

SARAH SCHWITALLA

Dr Sarah Schwitalla ist Wissenschaftlerin und promovierte Biochemikerin und beschäftigt sich leidenschaftlich damit welche Faktoren den Darm und die Darmflora krank machen und vor allem was sie gesund hält.
Nach langjähriger Arbeit in der biomedizinischen Darmkrebs-Forschung an der TU München und an der Harvard Medical School (USA) hat sie das virtuelle Zentrum für Darmgesundheit gegründet mit der Mission wissenschaftlich basiert aber leicht verständlich den aktuellen Stand der Darm-Forschung, biochemische Zusammenhänge und Fakten aus der Ernährungswissenschaft einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
In ihrem YouTube Channel „Darmsprechstunde“ sowie dem gleichnamigen Podcast gibt sie fundierte Antworten auf alle Fragen über Darmgesundheit & Ernährung und klärt unabhängig und neutral über Klischees & Mythen auf.
In Seminaren, online Kursen und Darmsprechstunden bekommen alle Interessierten und Betroffene von Darmerkrankungen Schritt für Schritt das aktuellste Wissen & ganz leicht umsetzbares Rüstzeug um symptomfrei zu werden, sich vor Darmkrebs zu schützen und natürlich das Essen wieder genießen zu können.