PLÖTZLICH HABEN WIR ANGST VOR DEM QUARANTÄNE-ENDE

Gerade kürzlich wurde die frohe Botschaft verkündet: Restaurants dürfen wieder aufmachen, bald ziehen Kinos und Bars nach. Auch die Grenzen ins Ausland öffnen. Der Lockdown neigt sich dem Ende zu. Aber was, wenn wir dazu noch gar nicht bereit sind?

Millennials, die Generation Z und vermutlich auch kommende Generationen kennen es noch aus der Zeit vor dem Corona-Lockdown: FOMO. «Fear of Missing Out» ist die Angst davor, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn man nicht bei jeder Party, jedem Brunch-Date und jeder neuen Vernissage dabei ist. Die Angst davor, nicht alle paar Minuten sein Handy zu checken, um zu sehen, ob am Abend irgendwo irgendetwas los ist. Ob bei uns oder daheim bei den Kardashian-Jenners. Hauptsache, wir können mitreden. Mal vier, fünf Tage einfach zuhause bleiben? Keine Chance. An zwei, drei Monate war nicht einmal zu denken.

Dann kam der Cut

Seitdem das Coronavirus die ganze Welt unter seiner Fichtel hat, ist nämlich nirgends mehr viel los. Es ist Schluss mit Veranstaltungen und Partys, Schluss mit Reisen, Schluss mit Brunch und Dinner in Restaurants. Und was sollen wir sagen: Nach anfänglichen Zusammenbrüchen, Panikattacken vor der Einsamkeit und Langeweile haben wir uns sogar ein wenig an die Situation gewöhnt. Ganz offensichtlich können wir sehr wohl mal ein paar Monate zu hause verbringen, wenn es denn sein muss und wenn es alle tun. Immerhin entgehen wir so auch jeder Menge Unannehmlichkeiten, die uns draussen, im normalen Leben, erwarten würden. BHs zum Beispiel. Smalltalk mit Fremden. Dem Struggle damit, tagtäglich sozial akzeptabel auszusehen, die Haare zu waschen, Arbeitskollegen und Freunden entgegenzutreten oder – Gott bewahre – Jeans zu tragen. FOMO war dabei in der letzten Zeit nie angesagt. Es gab ja überhaupt nichts zu verpassen. Mal ehrlich, irgendwie auch beruhigend …

Angst vor dem Leben da draussen

Nun, mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. Langsam aber sicher haben wir das Schlimmste hinter uns gelassen. Der Peak des Virus ist vorüber – und der normale Alltag damit wieder gefährlich nah. Doch statt unbändiger Lust, ab sofort nur noch draussen unterwegs zu sein, jagt uns jetzt ein neues Gefühl: FOGO (Fear of going out) – die Angst davor, wieder rauszugehen.

Wie ging das nochmal?

Denn mal abgesehen davon, dass sich das Coronavirus nicht innerhalb von zwei Wochen in Luft auflösen wird (Abstandsregelungen, Masken und Hygiene sind immer noch wichtiger als alles andere), sind wir mit dieser neuen, alten Situation ein kleines bisschen überfordert. Wir haben fast verlernt, wie das soziale Leben da draussen funktioniert – und es uns stattdessen unter unserer Bettdecke gemütlich gemacht. Über was redet man mit neuen Bekannten, wenn die letzten paar Wochen gar nichts passiert ist? Wie begrüsst man sich, ohne unangenehmes Kichern, wenn man sich nicht umarmen soll? Welche der «Freunde», mit denen wir nun seit Monaten keinen Kontakt hatten, sind überhaupt noch da? Und darf man eine Einladung an ein Event eigentlich ablehnen, nachdem wir jetzt so lange «eingesperrt» waren?

Gut möglich, dass wir erst wieder lernen müssen, wie man da draussen klarkommt. Wir sind uns ziemlich sicher, dass das klappt. Vielleicht schaffen wir es aber dieses Mal, ein gutes Mittelmass zwischen Fear of Missing und Going out zu finden.